Agnes Matthias

Ordnung und Widerspruch. Möglichkeiten und Grenzen der Wissensformation im Bildarchiv
(18:27 min)

Agnes Matthias (Dr.) studierte Kunstwissenschaft, Kunstgeschichte und Empirische Kulturwissenschaft in Karlsruhe und Tübingen. Nach Tätigkeiten als freie Kunsthistorikerin leitete sie ab 2011 die Grafische Sammlung am Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg. Anschließend war sie als Kuratorin für Fotografie an den Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen (SES) im Verbund der SKD (Staatliche Kunstsammlungen Dresden) unter anderem mit der Digitalisierung und Erschließung der dortigen Fotobestände betraut. Seit 2019 ist sie an den SKD als Kuratorin für Forschung und wissenschaftliche Kooperation tätig.

8 Antworten auf „Agnes Matthias“

  1. Sehr geehrte Frau Matthias,

    mit großem Interesse habe ich Ihren Video-Beitrag zur Tagung Bildarchive gesehen.

    Lassen Sie mich als kleinen Dank für die darin enthaltenen mannigfaltigen Anregungen drei Aspekte aufgreifen:

    1) Sie erwähnen den Begriff nicht, aber die Problematik des ethisch korrekten Umgangs mit sog. Opferbildern stellt sich nicht nur in der kolonialen Ethnologie und Anthropologie, sondern wird auch für den Bereich der nationalsozialistischen Propaganda und Verfolgung diskutiert.

    2) Zur Frage des von Ihnen genannten Desiderats der Mehrsprachigkeit von Beschreibungen startet just ein spannendes Projekt der Wikimedia Foundation: Abstract Wikipedia zielt darauf ab, aus der Verknüpfung mehrsprachig erfasster Entitäten und Normdaten automatisch mehrsprachige Beschreibungstexte zu generieren.

    3) Zur Frage der (wissenschafts-)kulturellen Prägung von Erschließungsinformationen gibt es eine spannendes Projekt der australischen TROVE-Allianz: Cultural Advice gibt Nutzer*innen der Online-Datenbank auf Wunsch Hinweise, bevor „kulturell sensible“ Informationen angezeigt werden.

  2. Liebe Frau Matthias,

    vielen Dank für den interessanten Beitrag!

    Ich kann mir gut vorstellen, dass sich durch partizipative Verschlagwortung kreative und aufschlussreiche Perspektiven gewinnen lassen. Auf der anderen Seite scheint es mir fraglich, ob sich Communities aus Herkunftskontexten hier einbringen, da als Ergebnis der Mitarbeit ja letztlich Daten in Deutschland akkumuliert werden. Insofern würde ich es sehr spannend finden, wie internationale Partner*innen auf das Projekt reagieren – wie sind Ihre Erfahrungen?

    Mit freundlichen Grüßen
    Jakob Rau.

  3. Liebe Frau Matthias,

    vielen Dank für Ihren aufschlussreichen, sehr guten Beitrag. Ich kann mir auch für den Bild-Bestand der Forschungsstelle für fränkische Volksmusik (Uffenheim) vorstellen, dass wir eine assoziative Verschlagwortung durch externe Nutzer*innen einführen.
    Zwei Fragen zu diesem Thema: Beschränken Sie sich bei den Schlagworten (bzw. „Tags“) auf diejenigen, die in der Sachbegriff-Tabelle der GND vorhanden sind, oder können Erfasser*innen und Nutzer*innen völlig frei formulieren? Und wie genau sieht die „redaktionelle Begleitung“ aus?

  4. Liebe Frau Matthias, ich kann hier Frau Kulbe nur beipflichten: ein wirklich sehr interessanter Vortrag, der auch mir vor Augen geführt hat, dass sich durch die Schlagwort-Vergabe durchaus neue Zusammenhänge und Fragestellungen auf Bilder und ihrer Inhalte ergeben können. Bezüglich der assoziativen Verschlagwortung, würde ich gerne noch einmal nachhaken: Was verstehen Sie genau unter „assoziativ“ bzw. worin genau besteht der Unterschied zu der „gängigen“ Schlagwort-Vergabe? Bearbeiter*innen von Bildmaterialien vergeben, soweit mir bekannt, Schlagworte entsprechend der Bildinhalten bzw. durch die Wahl von jenen Worten, die sie mit dem Inhalt verknüpfen. Damit ist die Verschlagwortung doch, zumindest nach meinem Verständnis, eigentlich per se assoziativ.

    1. Liebe Frau Noll,

      vielen Dank für Ihre Nachfrage zur assoziativen Verschlagwortung. Ich verstehe darunter einen Zugang zu einer Fotografie, der nicht per se „wissenschaftlich“ in dem Sinne ist, dass damit ein sichtbarer Inhalt möglichst genau beschrieben wird – etwas, was wir, die wir beruflich mit Fotografien umgehen, kaum ablegen können. Genauso wichtig finde ich, eine Stimmmung, eine Emotion, also eine mitunter höchst subjektive und je nach Betrachter*in womöglich voneinander abweichende Wahrnehmung in die Verschlagwortung mitaufzunehmen. Das ist natürlich stark zeitgebunden, würde aber aus meiner Sicht eine unbedingte Anreicherung von Fotografie mit individuellem Wissen bedeuten. Eine redaktionelle Begleitung dieses Prozesses wäre aber notwendig.

  5. Liebe Frau Matthias, ein toller Einblick, den Sie uns in Ihr Projekt, das Material und darüber hinaus gehende Überlegungen geboten haben. Vor allem freut es mich, dass Sie Erschließung, Ordnung und Verschlagwortung dezidiert in den Blick genommen haben. Meine eigene „Erschließungserfahrung“ (weniger bei Bildern, als bei schriftlichem Material) hat mir gezeigt, wie wichtig vor allem die Verschlagwortung ist, denn sie erhöht nicht nur die Zugänglichkeit, sondern schafft auch einen echten Mehrwert. Das haben Sie sehr eindrücklich am Beispiel der Schatten gezeigt. Die dadurch entstehenden Bezüge von Aufnahmen, die normalerweise eben nicht „beieinander“ stehen, können völlig neue Fragen aufwerfen. Ihre Idee einer kollaborativen Verschlagwortung von Fotografien aus kolonialen Kontexten (und theoretisch ja auch für alle anderen) und damit die Einbindung der jeweiligen Kulturexpert*innen und ihres Wissens ist wirklich großartig. Gibt’s dafür schon Konzept? Was Ihre Ausführungen zu den durch die Sammlung bzw. die Überlieferungsgeschichte hergestellten Ordnung geht, die dann auch in digitalen Archiven abgebildet werden, würde mich interessieren, inwiefern die SKD-Online Collection flexibel ist. Die physische (chronologische, alphabetische oder provenienzbasierte) Ordnung muss ja nicht zwangsläufig auch digital aufrecht erhalten werden. Hier ließen sich über Schlagworte oder andere Beschreibungskriterien alternative Ordnungen anzeigen. Und schließlich möchte ich Ihnen auch beipflichten, dass der Erhalt wissenschaftsgeschichtlicher Zusammenhänge unverzichtbar ist, dass frühere Kategorien, Begriffe, Systeme bei der elektronischen Erschließung nicht einfach getilgt werden sollten, so wenig, wie (hoffentlich) jemand heute noch auf die Idee käme, alle objektbiografischen Beschriftungen, Stempel o.ä. zu entfernen. Die Frage, die sich daraus ergibt, ist vielleicht eine eher technische. Ob man die unterschiedlichen Zeitschichten einer erschließenden Bearbeitung auch sichtbar machen sollte (was ich denke, aber nicht wüsste, wie das erfolgen kann), um auch Entwicklungen im wissenschaftlichen/musealen/archivischen Umgang deutlich zu machen.

    1. Liebe Frau Kulbe,

      haben Sie vielen Dank für Ihren Kommentar. Sie haben völlig recht: Die Suchmöglichkeiten der SKD-Online Collection bieten die Möglichkeit, zu alternativen Ergebnissen als zu einer alphabetische Auflistung o. ä. zu kommen. Diese Ergebnisse werden aber umso interessanter, je vielfältiger die Verschlagwortung erfolgt.
      Die Darstellung von „Zeitschichten“ der Bearbeitung auch in einer Datenbank ist ein aus meiner Sicht ganz zentraler Aspekt. Wir versuchen das z. B. über die Abbildung von Fotorückseiten, auf denen sich neben einer Originalbeschriftung möglicherweise auch Notizen von Museumsmitarbeiter*innen finden, die etwa die Genese eines Titels, eine Zuschreibung etc. veranschaulichen. Zudem haben wir technisch die Möglichkeit, Primär- und Sekundärtitel zu vergeben, wobei nur ersterer in der Online Collection angezeigt wird. Hier kann eine Titelhistorie dokumentiert werden. Weiter gibt es noch die Option, in der internen Rubrik der „wissenschaftlichen Bemerkung“ einen Eintrag mit dem Namen des/der Autor*in sowie dem Erstellungsdatum zu stempeln, so dass auch hier eine Art Chronologie der wissenschaftlichen Bearbeitung entsteht.

    2. Sehr geehrte Frau Kulbe,

      vielen Dank für Ihre Anregung zur Darstellung von Zeitschichten der Erschließung im Datenbanksystem.

      Meine erste Idee für die Speicherung der dafür notwendigen „Metadaten über Metadaten“ wäre eine RDF-basierte Datenbank und die Verwendung von embedded triple bzw. qualifier.

      Ergänzend könnte man sich noch eine Markierungsmöglichkeit vorstellen, die eine gewünschte Zeitschicht der Erschließung den Nutzer*innen zur Auswahl anbieten würde.

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