Ulrich Hägele

„Nie ohne Kamera.“ Die analogen Bildmassen des Heinz Pietsch und wie man damit umgehen kann
(26:02 min)

Ulrich Hägele (PD Dr.) hat Empirische Kulturwissenschaft und Kunstgeschichte in Tübingen studiert. Sein Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der visuellen Anthropologie und der Fotogeschichte. Er leitet die dgv-Kommission Fotografie gemeinsam mit Irene Ziehe (Berlin) und ist Mitherausgeber der Buchreihe „Visuelle Kultur. Studien und Materialien“. Seit 2006 arbeitet er am Institut für Medienwissenschaft der Universität Tübingen, seit 2014 mit dem eigenen Forschungs- und Lehrbereich „Visuelle Anthropologie und Medienkultur“ am Zentrum für Medienkompetenz. Seit 2010 leitet er den Campusfunk Micro-Europa, das Lehr- und Lernradio der Universität Tübingen Micro-Europa.

9 Antworten auf „Ulrich Hägele“

  1. Herzlichen Dank für die Vorstellung der Sammlung von Heinz Pietsch. Man bekommt bei der beeindruckenden Zahl von 100.000 Dias einen Einblick in die Umfänge dieser Sammlungen. Ich möchte nochmal kurz den Blick auf die Zusammensetzung des Bestands lenken. Mich interessieren Ordnungsstrategien seitens der FotografInnen und die Dokumentation der Fotos, die bei dieser Zahl ebenfalls äußerst umfangreich ausgefallen zu sein scheint. Sie haben angesprochen, dass Pietsch seine Bilder mit Angaben versehen hat: Ort, Uhrzeit, Foto- und Filmmaterial. Hat er darüber hinaus die Bilder (jedes?) in den Heften kontextualisiert (bspw. Intention, Anlass, Aufbau)? Zudem wurden die Dias sicherlich durch die ihnen zugewiesene Signatur mit den Heften verknüpft. Konnten Sie anhand dieser Konkordanz heute nicht mehr vorhandene Fotos feststellen? Und lässt sich (trotz ihres kurzen Bearbeitungszeitraums) eine Ordnungsstrategie durch Pietsch feststellen?

    1. Die Ordnungsstrategie erfolgte nach Eingang. Begonnen hat er mit der Dokumentation in den späten 1940er-Jahren. Die letzten Einträge stammen aus der Zeit kurz vor seinem Tod im Jahr 1989.
      Folgende Aspekte hat Heinz PIetsch die ganzen Jahre über zu jedem einzelnen Bild festgehalten:
      – Datum, zum Teil Uhrzeit
      – Thema des Bildes, Ort, Namen der Protagonisten
      – Fotomaterial und Kamera
      – Archivnummer. Die steht jeweils auch auf den Dias
      – sofern es sich ergab, hat er die Angaben über mehrere Nummern zusammengefasst (Beispiel: „5067-5078 Sonntagsausflug nach Offenburg zu den Schwiegereltern, 5. Mai 1959“ oder so)
      – zum Bildaufbau gibt es wohl vereinzelt Angaben
      – über ästhetische Kriterien eher nicht
      – Fast alle Bilder sind noch vorhanden. Dias, die fehlen wurden später im Archiv aus Versehen falsch in die Kästen gesteckt. Sind aber noch vorhanden, aber aufgrund von Pietschs Signatur nicht mehr oder nur mit erheblichem Aufwand zu finden
      – Dias bis Mitte der 1960er-Jahre befinden sich in Holzkästen zu je 100 Stück
      – Dias seit den 1960er-Jahren befinden sich in Plastikschubern zu je 100 Stück
      – Dias aus der Zeit um 1970 haben farblich sehr stark gelitten – starker Rotstich. Diese Dias müssten professionell restauriert werden.
      – die Farbnegativ- und Schwarzweißnegativbilder fanden beim Projekt keine Berückichtigung. Die Aufarbeitung ist hier schwieriger als bei den Dias, da es kaum Abzüge gibt und alles erst digitalisiert werden müsste. Eine Doku zu den Negativen ist auch vorhanden
      – ebenso nicht berückstigen konnten wir die umfangreiche Super-8-Schmalfilm-Kollektion. Sie wurden noch nichtmal gesichtet! Die Filme sollen demnächst vom Haus des Dokumentarfilms in Stuttgart digitalisiert werden
      – Kameras sind so gut wie keine überliefert und nur durch die Fotografien selbst recherchierbar

  2. Der Beitrag illustriert nebenbei das Phänomen großer Fotosammlungen in Verwaltungsarchiven, die im Internet nicht sichtbar sind:
    100.000 Fotos des Nachlass Pietsch im Kreisarchiv Tübingen, einem Archiv, von und zu dem man im Internet nur minimale Informationen findet, siehe
    https://www.kreis-tuebingen.de/,Lde/307951.html
    Kein Einzelfall, siehe
    https://saechsischer-archivtag.vda-blog.de/2017/04/30/umfrage-zur-situation-der-archive-in-sachsen-internetpraesenz/ – leider.

  3. Nachtrag
    Für die Begründung der Auswahl sowie für weitere Perspektiven intensiver Bearbeitung des Bestands hätte ich über die Erwähnung von Reportageformen auch weiteres gewünscht: Exemplarische Hinweise auf Bild- und Erzählformen, auf mögliche unterscheidbare Phasen in der Chronologie, die organische Zusammensetzung des Bestands, einen Blick auf den (möglichen) Erkenntnisgewinn durch die bisherige und eine kommende Bearbeitung – kurz: auf das hermeneutische Instrumentarium und Forschungsfragen am konkreten Objekt

    1. …wenn wir diese ganzen Punkte hätten berücksichtigen wollen, dann würden wir heute noch dran sitzen. Es ging darum, mit einfachsten Mitteln, innerhalb kurzer Zeit (drei Monate) eine Ausstellung und einen Katalog zu realisieren – keine Doktorarbeit!
      Der Erkenntnisgewinn fürs Publikum dürfte nicht so arg schlecht gewesen sein, denn der Katalog hat sich sehr gut verkauft.

  4. Beim Beitrag Hägele bleibt unklar, nach welchen Kriterien er die Vorauswahl der 500-600 Bilder vorgenommen hat. Einziges erwähntes Ordnungsprinzip sind die 5 Motivgruppen. Das Hauptproblem aber ist aus meiner Sicht, dass nicht die fotografische Praxis des Amateurs ernsthaft diskutiert wird, sondern ohne weitere methodische Überlegungen die Motive als „dokumentarische“ Repräsentationen vorgefundener Sachverhalte und damit als „objektive“ Quelle für bildwissenschaftliche/volkskundliche Forschungen vorgefunden erscheinen.

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