Gisela Parak

Das Lackalbum als volkskundliche Betrachtung Chinas?
(17:49 min)

Gisela Parak (PD Dr.) hat Kultur- und Kunstgeschichte studiert. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der Fotogeschichte. Sie leitete unter anderem das Museum für Photographie Braunschweig e.V. und das Forschungsprojekt „Bergbaukultur im Medienwandel – Fotografische Deutungen von Arbeit, Technik und Alltag im Freiberger Raum“ an der TU Bergakademie Freiberg. Seit Juli 2019 betreut sie den Forschungsbereich „Visual history“ am Deutschen Schifffahrtsmuseum Bremerhaven.

2 Antworten auf „Gisela Parak“

  1. Liebe Frau Kulbe,

    vielen Dank für Ihr Feedback!

    Die Materialität der Alben, insbesondere derjenigen aus dem chinesischen Kontext, ist wirklich fasziniert, nur leider habe ich die Antworten auf Ihre naheliegenden Fragen noch nicht gefunden.
    Ich gehe jedoch davon aus, dass sich kein einheitliches Schema finden lassen wird, sondern dass jedes einzelne Album seine eigene Produktions-, Herstellungs- und Sammlungsgeschichte erzählt. Einige der Lackalben sind sicherlich in Deutschland produziert worden und wurden dann auf der Reise „ausgefüllt“. Den Einband mit dem Drachen haben wir beispielsweise zweimal in der Sammlung (mit jeweils anderen Inhalten), als Reisealbum von Mitgliedern der Besatzung desselben Schiffs.
    Das Versatzblatt innen wird durch den deutschen Reichsadler geschmückt – das Schmuckpapier war wohl „Standard“. Ein Buchbinder in einem deutschen Hafen war hier wohl Hersteller des Album und bezog ein Massenprodukt (Versatzpapier); die Ausgestaltung des Albums ist dann aber jeweils individuell.
    Aber es gibt auch gegenteilige Beispiele im Sammlungsbestand.

    Ausschließen, dass diese (und andere) leere Sammelalben auch in anderen (ausländischen) Hafenstädten zu erwerben waren, kann man aber nicht. Der gewaltige globale Bildermarkt mit Fotostudios in den wichtigen Knotenpunkten entlang der Schifffahrtsrouten wird in unserer Sammlung fotografischer Reise- und Erinnerungsalben sichtbar. Es waren eben sehr viele einzelne Buchbinder und Fotostudios als institutionelle Unternehmen, die die Rohlinge und auch das „Füllmaterial“ für die Alben zur Verfügung stellen. Für eine andere Reise in die dt. Südsee-Kolonien habe ich fünf verschiedene „Versionen“ eines Albums in ganz unterschiedlichen Ausstattungen gefunden, die aber auf ein und dieselbe Reise zurückgeben.

    Ein interessanter Gedanke ist zugleich, ob die (im Kaiserreich) produzierten Alben eine Vorstellung allgemeiner „asiatischer“ Motivik wiedergeben, oder ob es sich um spezifisch chinesische oder japanische Motive handelt. Wie auf dem Cover fließen auch im enthaltenen Bildmaterial oftmals Klischee und gezielte Inszenierung für den westlichen Markt mit der eigenen Anschauung und eigenen Aufnahmen ineinander über. Vermutlich zumeist also ein klares sowohl-als-auch.

    Obwohl wir in den meisten Fällen auf keine begleitende textliche Überlieferung zurückgreifen können, wird aus der Beschriftung in einigen Fällen der Besitzer des Albums und mutmaßliche Bildersammler/Fotograf ersichtlich. Das geht vom Kapitän über den Oberoffizier, Zahlmeister, Arzt oder Koch. Die tatsächlich sehr sorgfältig ausgeführten Beschriftungen könnten tatsächlich von diesen Personen selbst vorgenommen worden sein. Es kommt jetzt drauf an, über welches Schiff man spricht, aber die Offizierslaufbahn und auch der Ausbildungsvorgang der Seekadetten setzte Schulbildung und auch finanzielles Eigenkapital voraus, Bestandteil der Ausbildung war beispielsweise das Erlernen einer Fremdsprache. Wir sprechen bei vielen Seeleuten also nicht von „ungelernten, ungebildeten“ Arbeitern, sondern über einen Berufsstand mit einem gewissen gesellschaftlichen Prestige und Bildungsstand. Da würden die Handschriften passen.

    Auch über die zeitliche Distanz der Anfertigung der Alben lässt sich keine allgemeine Aussage treffen. Die eingeklebten Bilder folgen nicht immer und oft überhaupt nicht der physischen Reiseroute. Kleine Details in der Beschriftung legen in Einzelfällen aber eine Anfertigung während der Reise nahe. In einem Fall konnte ich gezielt eine – ebenfalls fotografisch ausgestaltete – Reisehandschrift des Oberleutnants erwerben. Hier ist der Reiseverlauf minutiös erläutert, was u. U. auch unser Wissen über die Entstehungsgeschichte der Fotografien der weiteren Alben bereichern wird. Manchmal sind aber auch diese Ergänzungen nicht zielführend: In einem anderen Kontext dokumentierte ein fotografisch rege tätiger Kapitän in seinen Reisetagebüchern vorrangig seine Brautschau.

    Dies führt nun wiederum zu Frage 2: Da wir im Allgemeinen keine weiterführenden Überlieferungen besitzen, suche ich gezielt nach begleitenden Reiseberichten. Jedoch sind diese nur in einzelnen „Glücksfällen“ deckungsgleich mit den Daten der Reisealben, die Reiseberichte bieten aber eine Annäherung über die in ihnen festgehaltenen Konventionen.

    zu 3) Es freut mich, dass Sie mir in der Einschätzung folgen, dass die Fotografie der Forschungsreisenden, Seeleuten und „Ethnologen“ zunächst als relativ ähnlich erscheint und in dieser Zeit eigentlich niemand auf keine dezidiert „wissenschaftlich“ begründete fotografische Methodik zurückgreifen konnte. Jedoch gibt es dann doch gewaltige Unterschiede in Qualität und vor allem Intensität der fotografischen Beobachtungen, wenn man die Einzelfälle betrachtet. John Thomson beobachtet überaus zielgerichtet und entwickelt seine eigene, fotografische Methodik, die er zudem sprachlich begleitet und reflektiert. Die „ethnografischen“ Aufnahmen Gustav Adolph Riemers von 1875 sind ebenfalls überaus zielgerichtet und konzentriert. Die Assoziation „volkskundlich“ habe ich aus der Beschreibung der Fotografie Friedrich Behmes übernommen, der sich als Justizbeamter länger in der „Musterkolonie“ Kiautschou aufhielt, und der bereits in seiner Heimatstadt Goslar als Fotograf tätig war. In dieser Biografie mischt sich dann die „heimatkundliche“ Fotografie mit der nachträglichen Zuschreibung eines „volkskundlichen“ Fotografen. Für den Zeitraum von ca. 1870 bis 1914, über den ich spreche, sind die Definitionen und Zuschreibungen von „ethnografisch“, „ethnologisch“, „anthropologisch“ und auch „volkskundlich“ ja alle als offene, unscharfe Arbeitsbegriffe zu verstehen, die eben erst wesentlich später präzisiert wurden.
    Fotografen wie Thomson und Riemer gegenübergestellt blitzen Darstellungen chinesischer Personen in den Aufnahmen Behmes und in den Reisealben der Marinesoldaten mengenmäßig nur sporadisch und fast schnappschussartig auf; deshalb habe ich für diesen eher zufälligen, flüchtigen Bildtypus den Terminus „Gestus volkskundlicher Betrachtung“ verwendet.

    Michael Wiener verweist auf den zeitgenössischen Bilddiskurs vor 1900 und die begriffliche Trennung zwischen „anthropologischer“ und „ethnologischer“ Aufnahmen in den Ausführungen Gustav Fritschs von 1875 und unterscheidet hier eine auf den Menschen und eine auf den Menschen in dessen Umfeld bezogene Fotografie. Bei den Marktszenen Behmes handelt es sich aber sicher nicht um eine Darstellung des einzelnen Menschen als „Typus“ oder dessen Einbindung in sein „Habitat“, sondern eher um ein diffuses Gesamtambiente. Für diese Marktszenen mit ihrem starken Lokalkolorit schien mir eine Charakterisierung als „anthropologisch“ deshalb als nicht angemessen.

    Literaturhinweise für den Zeitraum von ca. 1870 bis 1914 nehme ich sehr gerne entgegen!

    Vielen Dank!

  2. Liebe Frau Parak, vielen Dank für die spannenden Einblicke in Ihr Forschungsprojekt. Ich würde gern drei Fragen nachschieben. 1) Könnten Sie vielleicht noch etwas zur Materialität der Alben sagen? Sind die Lackeinbände asiatischen Ursprungs oder ist die Lackkunst in Europa gefertigt worden? Und wo wurden die Alben im Gesamten fertigstellt und von wem? War das ein institutionelles Unternehmen? Die gezeigten Beschriftungen (die Auszeichnungsschrift sowie auch die Montage der gedruckten Beschriftungen) lassen ja nicht unbedingt auf eine ungeübte Hand schließen. Und mit welcher zeitlichen Distanz zu den Reisen sind die Alben hergestellt worden? Wie sieht es mit der Überlieferungsgeschichte aus? 2) Welche Quellen stehen Ihnen als Ergänzung zu den Alben noch zur Verfügung? Und schließlich 3) Könnten Sie vielleicht noch einmal genauer ausführen, was Sie mit dem „Gestus volkskundlicher Betrachtung“ oder einem „volkskundlichen Blick“ meinen? Vielleicht wäre dieser Blick eher als anthropologisch zu bezeichnen? Mir scheint es nämlich so, dass, obwohl die Fotografien in der Regel von Amateuren (was auch immer das heißt) gefertigt wurden, sich in keiner Weise von solchen unterscheiden, die Anthropolog*innen zur gleichen Zeit bei ihren Feldaufenthalten gemacht haben. Das Bewusstsein, eine Kultur zwar als anders, aber dynamisch sowie gleichberechtigt anzusehen und unvoreingenommen zu analysieren, bildet ja erst der Kulturrelativismus heraus. Und was die die Fotografie als ethnografische Methode betrifft, so sind M. Mead und G. Bateson um 1940 die ersten, die sie systematisch und analytisch anwenden. Vielen Dank!

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